Ausstellungstext

Nature on my mind

Text zur Gruppenausstellung "Nature on my mind", Prediger Museum, Schwäbisch Gmünd

"Jeder spricht sich nur selbst aus, indem er von der Natur spricht."

Johann Wolfgang von Goethe1

Nature on my Mind – dieser Ausstellungstitel assoziiert reflexartig das Verhältnis des Menschen zur Natur und damit die Frage, was Natur ist. Elementare Kräfte, die Leben ermöglichen oder auch zerstören? Trillernde Lerchen über einer blühenden Wiese oder Felder mit gentechnisch verändertem Mais? Urwälder oder Stadtgärten?

Wer nach einer exakten Definition sucht wird schnell feststellen, dass es die eine Definition von Natur nicht gibt, zu komplex und vielschichtig, zu tiefgehend und ambivalent ist die Beziehung zu ihr. Natur ist in einem stetigen Wandel begriffen und abhängig von historischen und kulturellen Gegebenheiten. Sie existiert »zwar in objektiv beschreibbaren naturwissenschaftlichen Größen, ist aber für den Betrachter stets ein Produkt seiner Wahrnehmung2, hat also sowohl Objekt- als auch Subjektcharakter.

Natur lässt sich daher nur in Gegensätzen beschreiben, als Sowohl-als-auch. Einerseits ist sie eine äußere, autonome materielle Wirklichkeit, die den Menschen umgibt, bedingt und begrenzt. Andererseits ist sie aber auch ein Erfahrungs- und Resonanzraum von Empfindungen, ein Spiegel, auf den wir Ideen und Wünsche projizieren. Im Verhältnis des Menschen zur äußeren Natur wird stets auch sein Verhältnis zu sich selbst sichtbar. Damit beeinflusst und prägt die äußere Natur immer auch die innere, psychische Natur des Menschen – und umgekehrt.

Die Bestimmung dessen, was wir uns als Natur vorstellen, ist daher immer relativ und gewinnt Prägnanz im Diskursiven. In diesem Kontext positioniert sich auch die Ausstellung Nature on my Mind mit Charlotte Eschenlohr und Maureen Jeram, die sich in diesen Diskurs einbringt. In einem gemeinsam entwickelten, auf den Ausstellungsraum bezogenen Konzept ist ein begehbares Gesamtkunstwerk entstanden, das ästhetische Erfahrungen des Naturschönen körperlich spürbar machen will.

Die Basis bilden zwei eigens von beiden Künstlerinnen gemeinsam geschaffene Gemälde. In der Inszenierung mit weiteren Bildern, mit Mirror Acrylics und installativen Elementen, mit transparenten, raumgliedernden Stoffdrucken und der Bodenarbeit Flower Field visualisieren sich Seelenlandschaften und Stimmungen zu einem Kaleidoskop von Natur als Energie immerwährenden Werdens und Vergehens.

Den Auftakt in die Ausstellung bildet die Installation The cave: ein abgedunkelter Raum, eine Höhle, seit alters her Symbol für eine jenseitige Welt abseits der Realität. Die Höhle lässt die Außenwelt zurückweichen und sensibilisiert unsere Sinne für das feintonige Kolorit der auf Stimmungen bedachten Malerei von Maureen Jeram. Mittel- und großformatige Interieurs mit Menschen fügen sich zu einer Sphäre der Kontemplation und intensiver innerer Inspektion. Introvertiert – alleine (in The Bedroom Scene) und in Zweier- und Dreiergruppen (in Boys in the Bathroom und Three Figures) – stehen Jerams Figuren im Bildraum. Ihr verhaltenes, in sich gekehrtes Agieren vermittelt ein Gefühl der Verlorenheit und Melancholie. Mit Können sowohl in der Beobachtung wie auch in der Darstellung befragt Maureen Jeram in ihren Bildern die Conditio humana, die menschliche Existenz. Ihre Protagonisten sind Sinnsuchende. Sie suchen danach, ihr persönliches Gefängnis, die »Höhle ihres Geistes3, zu überwinden.

Mit dem Verlassen der Höhle eröffnet sich eine ganz andere, gegenläufige Welt – ein Universum voller Blumen, Farben und Texturen, gestaltet von Charlotte Eschenlohr.

Im Zentrum steht die ortsspezifische, in dieser Form noch nie realisierte Installation Flower Field: ein rechteckiges, vier Mal sechs Meter umfassendes, wie aus der Natur ausgestochenes Rasenfeld, aus dem, dicht an dicht stehend, fünfzehnhundert Kunstnelken aufblühen. Seit dem Barock Ausdruck von Naturschönheit und irdischer Vergänglichkeit, rückt die Künstlerin mit ihrer Installation die Blume als heute global erzeugtes und gehandeltes Massenprodukt ebenso in den Fokus wie als fragiler und unverzichtbarer Bestandteil des weltweiten Ökosystems. Die Künstlichkeit der Natur, die im Flower Field zutage tritt, macht zugleich deutlich, dass Kunst immer nur ein schöpferisches Äquivalent zum Schöpferischen der Natur darstellt, Natur aber nicht als Natur kompensiert und zurückgeholt werden kann.

Im weiteren Ausstellungsverlauf manifestiert sich das Thema Natur in Gemälden der beiden Künstlerinnen. Bei Maureen Jeram ist die Natur häufig im Landschaftsbild gegenwärtig. In ihrer Bildsprache knüpft sie an der klassisch-realistischen Tradition an, wie sie von der Renaissance bis zum Aufkommen der Abstraktion im frühen 20. Jahrhundert ausgeprägt hat. Beispielhaft zeigt sich das im Gemälde Teufelssee sonntags: In einer schmalen Farbskala von Grüntönen gemalt, führt es Männer und Frauen, mal bekleidet, mal unbekleidet, in einer idyllischen Landschaft vor Augen.

In ihre Tätigkeiten versunken, allein mit sich beschäftigt, ist der Bezug der Figuren untereinander unbestimmt. Die Darstellung erinnert thematisch und motivisch an eine zeitgenössische Übersetzung von Edouard Manets berühmten Gemälde Déjeuner sur l´herbe, in dem der Maler eine nackte Frau zusammen mit zwei bürgerlich gekleideten Männern und einer Badenden im Hintergrund in einer Waldlichtung vor einem kleinen Gewässer in einer Dreieckskomposition vereint. In Maureen Jerams Neuinterpretation des Manet´schen Bildthemas spiegelt sich in den unaufdringlich den Sonntag genießenden Figuren der zeitlose, wehmütige Wunsch des Menschen nach Rückzug in eine ursprüngliche Natur wider. Ein weiteres Beispiel ist das Bild Mondgarten: eine nächtliche, silbern schimmernde Vegetation, die ein hellstrahlender Vollmond in ein traumhaftes, spirituelles Licht taucht. Die Künstlerin knüpft damit an die kosmischen, vom Mond beseelten Landschaften der Romantiker an, insbesondere an Caspar David Friedrich oder auch Carl Gustav Carus.

In der Malerei von Charlotte Eschenlohr erscheint Natur immer wieder im Floralen: als prall wuchernde, farb- und kontraststarke Hommage an die lebendige Energie und Schönheit der Natur im Werden und Vergehen. Ihre Bildsprache changiert zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Sie in ihrer Ganzheit zu erfassen, ist beinahe unmöglich, so assoziationsreich und vielschichtig sind ihre metaphorisch aufgeladenen bildnerischen Kompositionen – Kompositionen, die eine lustvolle Erzählfreude, ein kraftvolles Kolorit und ein gestischer Zugriff kennzeichnet. Und, so Michael Schultz treffend, »welche in ihrer bewusst nicht akademischen Ausgewogenheit unterschiedlichste Spielräume zur Interpretation zulassen4. Ihre Kraft beziehen ihre Bilder aus dem Subtilen, aus einem intuitiven Malprozess, in dem sich Bildebenen gegenseitig überschneiden und durchdringen, und dem Expliziten, aus einer mit Verve aufgetragenen, explosiven und expressiven Farbigkeit. Exemplarisch lässt das sich im Triptychon Die Ferne, die Nähe ablesen, in dem die Künstlerin die pulsierenden Bildekräfte der Natur in einer anarchischen, farbintensiven Verdichtung von Blüten ins Werk setzt.

Oder im Gemälde Realm, in dem blutrote Rosenblüten an das Rilke-Gedicht Das Rosen-Innere denken lassen, in dem der Dichter fragt: »Welche Himmel spiegeln sich drinnen in dem Binnensee dieser offenen Rosen?5

In den Rosenblüten von Charlotte Eschenlohr sind es die Zusammenhänge des Kosmos, die sich in ein innerliches Erlebnis ästhetischer Erfahrung verwandeln. Wie überhaupt ihre Bilder ein reflektiertes Lebensgefühl vermitteln, um auf die schönen Dinge des menschlichen Daseins im Einklang mit der Natur hinzuweisen.

Die Ausstellungsinszenierung kulminiert schließlich in zwei großformatigen Gemälden, die die Künstlerinnen eigens für die Ausstellung als Gemeinschaftswerke gefertigt haben: Swanlake und Hedonistic Honey Bee (Schwanensee und Hedonistische Honigbiene).

Beide zeigen eine zwischen visionärem Raum, imaginärem Ort und Zaubergarten siedelnde Natur. Und in beiden sind mit dem Schwan und der Biene tief in den Mythen verwurzelte Tiere angesprochen. In der griechischen Mythologie wird der Schwan Apollon zugeordnet, dem Gott der Künste und des Lichts als die hervorragendste Kraft der Natur. Die Biene wiederum gilt in allen Weltreligionen und vielen Kulturen als Quelle der Inspiration und als Sinnbild für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Neben dem symbolischen Gehalt, der den Werken eingeschrieben ist, operieren die Künstlerinnen auch mit eingebundenen Satz- und Wortfragmenten, die ein weiteres Narrativ entstehen lassen.

In Hedonistic Honey Bee etwa ist neben der im Bildzentrum Nektar labenden Honigbiene zu lesen: »Receiving Life like a royal guest« – man solle »das Leben wie einen königlichen Gast empfangen«. Im Bildkontext stellt dieser Satz nicht nur lediglich ein formales Element dar. Die Text-/ Bildkonstellation eröffnet darüber hinaus eine weitere Bedeutungsebene: die, achtsam zu sein gegenüber dem Leben, mithin der Natur. Einer Natur, von der wir abhängig sind. Wie sehr, zeigt das durch Pestizideinsatz, Monokulturen und andere Begleiterscheinungen industrieller Landwirtschaft verursachte Bienensterben, das wegen der damit fehlenden Bestäubung der Pflanzen unsere gesamte Nahrungskette bedroht. So gesehen ist die Biene ein Sinnbild der Interdependenz von Mensch und Natur, in der wir es mit uns selbst qua Natur zu tun haben.

Nature on my Mind bezeugt die Möglichkeiten der Kunst, unsere Sinne wach zu halten für die Schönheit und Wandlungsfähigkeit der Erscheinungen der Natur. Dies geschieht nicht in einer pessimistischen, grau malenden Weltsicht, sondern mit einem positiven künstlerischen Impetus, der zum Nachdenken darüber anregen möchte, dass sich das, was Natur ist und sein wird, in der menschlichen Vorstellung mitentscheidet – Nature on my Mind.

1 Johann Wolfgang von Goethe am 8. Januar 1819 in einem Brief an Christoph Ludwig Friedrich Schultz, Jurist, Philologe, Staatsrat und Freund des Dichters, in: Goethe, Briefe, 1818, URL: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1819 (Stand: 18.10.2023).

2 Sigrun Preuss: Psychologische Zugänge zu Natur und Landschaft. In: Naturerfahrungsräume. Ein humanökologischer Ansatz für naturnahe Erholung in Stadt und Land, hrsg. vom Bundesamt für Naturschutz, Bonn 1998, S. 127.

3 Maureen Jeram im Konzept zur Ausstellung vom 11.05.2023.

4 Michael Schultz: Tiefsinniges Schöpfen aus den Ressourcen der Seele. Der Weg ist das Ziel – Eine Philosophische Betrachtung zum Werk von Charlotte Eschenlohr, in: Charlotte Eschenlohr, Katalog zur Ausstellung vom 16.10. bis 30.11.2021 im Rosenhang Museum, Weilburg/Lahn, hrsg. von Antje Helbig, Berlin 2021, S. 8.

5 Rainer Maria Rilke: Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 1998, S. 568/569.