Ausstellungstext

Ressourcen der Seele

Texte zur Soloausstellung "Ressourcen der Seele", Rosenhang Museum, Weilburg/Lahn

Pattern

Bei der experimentellen Weiterverarbeitung abgeschlossener Kunstwerke entwickelte Charlotte Eschenlohr eine besondere Technik, in der sie Details ihrer Kunst neu definiert, und digital verarbeitet. Im festgelegten Format von 50x50 cm entstanden so in den Jahren 2017 bis 2021 annähernd einhundert Kunstwerke. Aus ihrem bisherigen Oeuvre entnimmt sie Ausschnitte und verarbeitet diese zu neuen, eigenständigen Kunstwerken.
Der aus der Musikwelt entlehnte Titel „Pattern“ bezieht sich auf harmonisch und rhythmisch wiederkehrende Strukturen, die in dieser Bilderserie verhaftet sind. Die Reihe ist nicht abgeschlossen, und wird in einem wiederkehrenden Arbeitsprozess in regelmäßigen Abständen erweitert.

Pattern
Digitaldruck/mixed media auf synthetischen Stoffen
Unikat
50x50 cm
2017-2021

Cut out

Seit 2016 beschäftigt sich Charlotte Eschenlohr mit der Technik des Scherenschnitts. Ein umfangreicher Werkszyklus unter dem Titel „Cut Out“ ist entstanden, in dem sie Charlotte Eschenlohr Motive aus ihrem vielseitigem Schaffen verarbeitet und neu definiert. Aus selbstgefertigten Schablonen, die in der Regel als Arbeitsmaterial für ihre Malerei geschaffen wurden, werden positiv/negativ Schnitte gefertigt die dann in Kombination mit Motiven aus dem umfangreichen Ideenreservoire zu selbständigen Kunstwerken verarbeitet werden.
Die Silhouette, auch Schattenriss genannt, steht im Zentrum der einzelnen Werke. Meist Umrisse von Figurengruppen, die ihre Inspiration aus Performances der Künstler in aber auch aus der Werbung und aus der Mode erhalten. Verarbeitet mit Acrylf arbe und Spraylack auf Testdrucken und Arbeitsflächen die im Atelier anfallen.

Cut Out 2016-2021
42 x 29,7 cm
Mixed Media/Papier

Erläuterung Diagramm

Der vielschichtige Bildaufbau im Werk von Charlotte Eschenlohr wird auf der folgenden Bildtafel in einer chronologischen Abfolge erläutert. Ausgangspunkt war das von Rodin ursprünglich in Marmor gehauene Liebespaar, welches unter dem Titel “Der Kuss“ zu seinen bedeutendsten Kunstwerken gehört. Zusammengeführt mit einem ebenso mit „Der Kuss“ betitelten Bild von Edvard Munch sowie Details aus Canova’s „Amor und Psyche“ entstand eine erste Bildcollage. Diese wurde durch Hinzugabe von mit Bildsequenzen ihrer 2017 in Peking aufgeführten „Dangerous Reading“ Performance und einem daraus entstandenen Scherenschnitt (Cut Out) verdichtet. Elemente aus „Ocean Flowers“ einem früheren Kunstwerk der Künstler in fliesen mit ein. Aus allen neun Bildebenen entsteht eine Digitalcollage, die auf Leinwand gedruckt die letzte Vorstufe zum endgültigen Kunstwerk bildet. In der finalen Schicht wird die Erzählung auf der Bildtafel malerisch bereichert und abgeschlossen. Das Bild ist fertig. Ein arb eitsintensiver und einmaliger Schaffensprozess, der in den Kunstwerken eine kaum zu erahnende Tiefe verschafft.

Michael Schultz
Tiefsinniges Schöpfen aus den Ressourcen der Seele
Der Weg ist das Ziel - Eine Philosophische Betrachtung zum Werk von Charlotte Eschenlohr

Tief verwurzelt in der Philosophie des Taoismus findet sie die Energie und die notwendige Spiritualität, die zum Schaffen ihrer Kunstwerke erforderlich sind. Die Münchner Künstlerin Charlotte Eschenlohr ging sogar soweit, daß sie sich auf ihrer Sinnsuche mit einem Atelier in Peking niedergelassen hat. Seit nunmehr über elf Jahren arbeitet die Multimedia Künstlerin regelmäßig in China, teilt sich dort ihre Ateliers gerne mit ansässigen Künstlern, um so die absolute Nähe zur Keimzelle der taoistischen Philosophie zu erleben.
Neben der Lehren von Konfuzius und Buddha gehört der Taoismus zu den drei großen religiösen Anschauungen, die Sozialisation und Kultur in China bis in die heutige Zeit maßgeblich beeinflussen.
Mao Zedong hat den Religionsphilosophen einst ihre Lehren verboten und ihre Tempel und Klöster größtenteils zerstört. Heute besinnt man sich in China wieder auf taoistische Werte; die zerstörten Glaubenshäuser werden nach und nach wieder aufgebaut. Über dreitausend Heiligtümer sind mittlerweile verstreut im ganzen Land für Gläubige und Touristen zugänglich. Der Taoismus erlebt eine Renaissance, die für Außenstehende nur zu gerne im Widerspruch zur politischen und ökonomischen Wirklichkeit Chinas steht. Die Rückkehr zu den jahrtausende alten philosophischen Grundsätzen und die gleichzeitige Zuwendung zu den moralischen Werten der westlichen Gesellschaft, steht im enormen Widerspruch. Der tiefe Sinn einer solchen Gratwanderung aber liegt, wie in so vielen fernöstlichen Weisheiten, tief verwurzelt in den sensiblen Verschiebungen der feinmaschig verebten Kulturen.
Charlotte Eschenlohr ist einen weiten Weg gegangen. Den Schritt zu wagen, sich in einer fremden Kultur einzunisten, war für die in München familiär seit Generationen fest verhaftete Künstlerin kein einfacher. Doch, sie ist nicht das erste Familienmitglied der Eschenlohr’s, welches sich im Reich der Mitte niedergelassen hat. Bereits ihren Großvater zog es in den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts nach Canton um dort wissenschaftlich bei der Entwicklung der Forstwirtschaft tätig zu sein.
Die älteste Wurzel des Taoismus ist die Lehre von Tao oder Dau. Der Begriff Tao kommt aus dem Chinesischen und bedeutete ursprünglich ‚Weg‘. Er ist, neben und mit der Lehre von Yin und Yang, eines der ältesten Elemente des Taoismus und Grundbegriff des philosophischen Denkens in China. Im Unterschied zum Konfuzianismus, der auf das weltliche Strenge befolgen religiöser Rituale ausgerichtet ist, gilt im Taoismus das Streben nach Macht und Einfluss eher als schädlich. Meditation und kontemplative Übungen, die die Welt- und die Selbsterkenntnis steigern sollen gehören zu den Praktiken der Lehre von Lao Tse (480-390 v. Chr.). Konfuzius verstand unter Tao den Weg des Himmels, dem der Weg des Menschen entsprechen müsse, um in Harmonie mit dem ewigen Weltgesetz zu leben. Er formte dem entsprechend eine Morallehre, die dazu dienen soll, den Menschen diesen ‚Weg‘ des Handelns zu lehren. Lao Tse deutete den Begriff Tag um, mehr als universelles Prinzip, als transzendentale erste Ursache. Für ihn wurde nicht zur Methode, die den Menschen zum Handeln auffordert, sondern eher zum Nicht-tun anregt. In seinen Schriften wurde dieses Nicht-tun immer wieder beispielhaft erwähnt.
Der Tao also ist es, der für Charlotte Eschenlohr den philosophischen aber auch den tatsächlichen Weg nach China geebnet hat. In der Vielfalt ihrer Medien, wo Tanz und Performance, wo Photographie und Film, wo Literatur und Poesie, wo Malerei mit vielschichtigen Druck- und Reproduktionstechniken gleichberechtigt existieren und in ihre künstlerische Produktion einfliessen, durchdringt sie (als Prinzip) im Ursprung ihres Tuns, alle philosophischen Erscheinungen, die der Taoismus artikuliert.
Dabei ist Meditation die Klammer zu den sichtbaren Ergebnissen ihrer künstlerischen Produktion. Die vielen Bilder hinter den Bildern, die unendlichen Grundlagen für ihre Kunst, werden durch ein spirituelles Hinterfragen offengelegt, und in einem nie zu endenden Prozess auf ihre Medien transformiert. Am Ende sehen wir Kunstwerke, welche in ihrer bewusst nicht akademischen Ausgewogenheit unterschiedlichste Spielräume zur Interpretation zulassen. Der Kreis zu ihrem spirituell philosophischen Ausgangspunkt ist geschlossen. Sichtbar werden Zwischenschritte, Momentaufnahmen, die in ihren meditativen Geistesübungen erscheinen und in ihre Kunst einfließen.
Die Bilder von Charlotte Eschenlohr als Ganzheit zu betrachten - ein schwieriges Unterfangen. Es sind die vielen Facetten, Figuren, Menschen, Tiere, Landschaften und Fabelwesen, die sich in ihren Bildern tummeln. Einerseits wohl und ausgewogen platziert, andererseits mitunter aber auch wild und ohne Zuordnung. Nicht selten geschieht dies offenkundig und gleichzeitig in einem Kunstwerk. Sie deswegen als wilde Malerin zu bezeichnen, würde ihr nicht gerecht werden. Die Bilder der Wilden sind aus deren Bäuchen heraus entstanden, es waren kurze Momentaufnahmen einer Situation.
Ergüsse eines Lebensgefühls, einer neuen Freiheit, die in den Achtziger Jahren ausgelebt wurde. Diese Kunst war hauptsächlich auf einen Blick ausgerichtet, mit jedem weiteren reduzierte sich der Zugang. So schnell wie die Generation der sogenannten ‚Jungen Wilden‘ in Erscheinung getreten ist, so schnell ist sie in Vergessenheit geraten, und mit ihnen ihre Kunst.
Der wilde Gestus in den Bildern von Charlotte Eschenlohr ist Ausdruck und Ergebnis ihrer nicht mehr zu endenden Geschichten, die sie in Metaphern in ihren Bildern unterbringt. Ausgeprägt und großzügig ist der Einsatz der Farbe Rot, in allen Nuancen und Schattierungen. Ist diese Schicht durchbrochen, landet man dort, wo die Bildidee ihren Ursprung hat. Die Bilder öffnen sich und erlauben ein ganz tiefes Durchdringen der Schichtungen. Offengelegt und sichtbar werden nie vermutete Zusammenhänge; das Puzzle löst sich auf. Gut dokumentiert wird dieser Prozess in einem Diagramm zu dem Bild ‚Royal Flush‘ (Katalogseiten 72/73), auf dem die Künstlerin von der meditativen Grundidee bis zum fertigen Gemälde sämtliche Schritte und Ebenen offenlegt: Ausgangspunkt ist eine weltbekannte Skulptur, die der französische Bildhauer Auguste Rodin 1886 als eines seiner bedeutendsten Kunstwerke geschaffen hatte. Die Figurengruppe mit dem Titel „Der Kuss“ stellt eine Szene aus Dantes „Göttlicher Komödie“ dar, in der sich Francesca da Rimini und der Bruder ihres Ehemann’s innig umarmt küssen. Die Skulptur gilt als ikonographisches Werk für die künstlerische Darstellung zum Thema Liebe. Ein Jahr später (1887) begann Edvard Munch mit einer Bildserie, in der er sich mit der Beziehung von Mann und Frau beschäftigte. Mehrere Bilder zum Thema „Kuss“ sind so in einem sogenannten ‚Lebensfries‘ im Zeitraum bis 1906 entstanden.
Diese beiden skulpturalen Kunstwerke bildeten die Grundlage für eine digitale Interpretation, in der Charlotte Eschenlohr Rodin’s und Munch’s Küssende in einer Vorstudie verschmelzen ließ. Eingeflossen in diese Bildcollage sind Fragmente aus Antonio Canova’s Skulptur „Amor und Psyche“ aus dem Jahr 1793. Aspekte der Liebesbeziehung zwischen dem unsterblichen Gott Amor und der sterblichen Königstochter Psyche sind in diesem Werk dargestellt.
Aus einer theoretischen Verschmelzung entsteht der Grundstock für das spätere Gemälde. Die Collagierung verdichtet sich durch Hinzugabe von Bildteilen, aus der von der Künstlerin im Jahr 2017 in Beijing zelebrierten ‚Dangerous Reading’ Performance sowie einem Cut Out (Scherenschnitt) mit demselben performativen Ursprung. Elemente aus „Ocean of Flowers“, einem früheren Kunstwerk der Künstlerin, fließen mit ein, und aus all diesen Vermischungen ensteht ein digitales Druckwerk. Die letzte Vorstufe zum finalen Kunstwerk. Dieses wird in einem Übermalungsprozess mit Einsatz unterschiedlichster Materialien fertiggestellt. Bis zur endgültigen Fertigstellung unterlegt die Künstlerin dem Gemälde neun Ebenen. Mit der zehnten, wird die Erzählung um viele Nuancen bereichert und abgeschlossen. Das Bild ist fertig. Ein arbeitsintensiver und einmaliger Schaffensprozess, die dem Kunstwerk eine kaum zu erahnende Tiefe verschafft.
Kommen wir zurück zur sichtbar allgegenwärtigen Farbe Rot. Sie gilt als Urfarbe und steht für Liebe und Leidenschaft. Rot ist aber auch die Farbe des Körpers, der Materie, sie ist der Inbegriff von Stofflichkeit. Rot glüht und weckt Assoziationen von loderndem Feuer und beißender Glut, damit steht die Farbe für ein unerschöpfliches Kräfteresvoir. Als Königin der Farben vermittelt sie Freude und Gefahr zugleich. Sie steht für positive Emotionen, Wärme und Energie, Freundlichkeit, Jugend und Enthusiasmus. Und Rot wirkt auf uns Menschen darüberhinaus erotisch und anziehend.
Im Laufe der Jahre hat sich das Rot mehr und mehr deutlich auf den Bildern von Charlotte Eschenlohr niedergelegt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Rot ist in ihrer Kunst das sichtbare Bindeglied zu ihrer inneren Erleuchtung, der Meditation, aus der sie die Bilder und Kraft für deren Übertragung auf ihre Leinwände bekommt. Ein tiefsinniges Schöpfen aus den Ressourcen der Seele bildet den Humus ihres kreativen Schaffens.
Charlotte Eschenlohr hat sich spät für den Beruf der Künstlerin entschieden. Nach ihrer ‚bürgerlichen Existenz‘, in der sie als promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin tätig gewesen ist, hat sie ihre wirkliche Berufung als Künstlerin Mitte der Nuller Jahre für sich entdeckt. Zunächst als Performance Künstlerin, wo sie unter dem Titel ‚Living Table‘ in einem ausgefallenem Happening ihre Gäste verzauberte. Inspiriert wurde sie durch eine private und von ihr organisierten Veranstaltungsreihe zum Thema Eat Art.
Ein in unregelmäßigen Abständen stattgefundenes privates Treffen, zu der sie Freunde, Künstler und Akrobaten aller Couleur eingeladen hatte. Eine Art Salon, in der die bürgerlich E tablierten den Tellerrand weit überschreiten durften. Mit dem Motto ‚alles kann - nichts muss‘ wurde damals zelebriert, was Charlotte Eschenlohr heute (losgelöst von allen Zwängen) im künstlerischen wie im wirklichen Leben verwirklicht.