Schon in ihrer Kindheit erlebte sie, wie ihre Großmutter traditionelle chinesische Kleidung trug, nachdem ihre Großeltern – nach mehrjährigem Aufenthalt in China – in die Heimat zurückgekehrt waren. Sie wuchs umgeben von wunderschönem Porzellan und Mobiliar aus China auf – eine Umgebung, die in jenen Jahren durchaus als ungewöhnlich galt. All diese frühen Einflüsse hinterließen eine tiefe Faszination bei ihr.
Charlotte Eschenlohr unterhielt stets mehrere Arbeitsorte; so kehrte sie regelmäßig in ihr Atelier in Point B, New York, zurück, wo sie zwei- bis dreimal jährlich intensive Malaufenthalte verbrachte. Als im Jahr 2011 die erste Einladung folgte, ein Atelier in Peking zu mieten, begann jene fruchtbare Auseinandersetzung mit China, die fortan Charlotte Eschenlohrs künstlerisches Schaffen prägen sollte.
Es schien, als nähme in den drei Jahren nach diesem ersten Atelieraufenthalt in Peking all das Gestalt an, was zuvor lediglich als kleine Samen oder Keime in ihr geschlummert hatte. Sie kehrte regelmäßig – ein- bis zweimal jährlich – nach Peking zurück, und mit jedem Besuch wurde ihr Zugang zur Tradition und zum Leben in China in ihrem Werk selbstverständlicher.
Die Art und Weise, wie Charlotte Eschenlohr chinesische Elemente – wie etwa Tiger, das Erscheinungsbild ihrer Modelle, Schriftzeichen oder nicht zuletzt Pandas – einsetzt, ist einzigartig; sie verbindet dabei den traditionellen Geist mit ihrem ganz persönlichen Stil. Entscheidend für Charlotte Eschenlohrs künstlerische Sprache sind ihr Humor und ihre Leichtigkeit. Zu diesen beiden Eigenschaften gesellen sich Offenheit – eine zutiefst persönliche Wesensart der Künstlerin –, Selbstbewusstsein und Sinnlichkeit. Hierin liegen die wesentlichen Merkmale ihres künstlerischen Schaffens begründet.
In ihrer jüngsten Werkserie, die im Rahmen der Ausstellung „STRANGE PURENESS“ in den Matthias Küper Galleries Stuttgart gezeigt wird | In ihrem Atelier in Caochangdi (Peking) nutzt sie gegensätzliche Elemente der Tradition – verweisend auf Reinheit wie bei einer Buddha-Figur, auf Skulpturen chinesischer Krieger oder auf den Tiger, der für Tapferkeit sowie für den mutigen und feurigen Kämpfer steht –, und kombiniert diese mit sinnlichen Elementen, etwa den Figuren ihrer beiden Modelle oder Motiven westlicher Modelabels. Diese Kombinationen – die in der alltäglichen visuellen Wahrnehmung einer Metropole wie Peking völlig normal erscheinen – erzeugen aufgeladene Bildwelten, denen es in der malerischen Umsetzung keineswegs an herausfordernder Spannung mangelt.
Die Künstlerin stellt einmal mehr ihr Talent unter Beweis, östliche und westliche Elemente miteinander zu verknüpfen und zu einer intelligenten Aussage zu verdichten – dargeboten mit der Leichtigkeit ihres Pinselstrichs.
Charlotte Eschenlohr ist äußerst empfänglich für Bilder. Wenn sie diese erblickt und mit ihrer Kamera festhält, besitzt sie die Gabe, sie intuitiv in ihre eigenen Werke einfließen zu lassen. Manchmal fotografiert sie dabei ein bereits existierendes Bild; diese Motive nehmen dann in ihrer Vorstellung Gestalt an, um ihr später als Grundlage für ihre Gemälde zu dienen.
Die Fotografien stammen aus unterschiedlichsten Kontexten und Orten: Während ihres Arbeitsaufenthalts in Peking im Herbst 2012 hatte Charlotte Eschenlohr zahlreiche Ausdrucke von Bildern aus ihrem vorangegangenen Aufenthalt in New York im Gepäck – Motive, die sie eigens mit nach Peking genommen hatte, um sie dort als Basis für ihre Arbeiten zu nutzen. Aus ihnen entstand die „Tiger-Serie“. Auf nahezu identische Weise nahm sie später Bilder aus China mit zurück in ihr Münchner Atelier, wo diese in den darauffolgenden Monaten in die Serie „Changing Habits“ überführt wurden.
„Bilder, die sich in anderen Bildern finden“ – diese Formulierung beschreibt einen wesentlichen Aspekt im Werk von Charlotte Eschenlohr. Das Faszinierende liegt dabei in der Art und Weise, wie sie mit diesen Motiven umgeht und wie manche von ihnen – gleich Erinnerungen, die uns immer wieder in den Sinn kommen – wiederholt in ihren Gemälden auftauchen. Ihr Repertoire lässt sich als eine Art sprachlicher Code begreifen – als ihr ganz persönliches Vokabular. Doch dieses Vokabular ist entschlüsselt: Wir können die Bilder sehen und ihre Bedeutung erahnen – die endgültigen Antworten jedoch liefert uns die Künstlerin nicht.